Die 90er und 2000er Jahre im Reiterverein Holzheim

100 jähriges Jubiläum des Holzheimer Reitervereins von 1922

Rede zum Festkommers am 22. Mai 2022
im Brauereiausschank Frankenheim Neuss-Holzheim

von Bernd Hoeveler

Nach den Ausführungen meines Vorredners ist es mir eine angenehme Aufgabe Euch aus den 90er und 2000er Jahren zu erzählen, die ereignisreichsten intensivsten, die viele von euch so miterlebt haben.

Ich kam 1991 zum Holzheimer Reiterverein, wie viele andere der zeitweisen Leistungsträger und bekannten Reiterkameraden. Die Akquise der neuen Reiterkameraden lag in den überaus erfolgreichen Händen meines Vorgängers, Reiterchef Georg Stamos. In der Regel wurde folgendes Verfahren angewendet: Ein geeigneter Kandidat wurde ausgespäht und bei passender Gelegenheit im Reitstall, in der Kneipe oder auf der Straße wurde ihm zugerufen: „Wenn du nächstes Jahr nicht bei mir auf dem Päd sitzt, wirst du kastriert.“ Angesichts dieses medizinischen Eingriffs entschlossen sich viele nette Holzheimer und Zugezogene lieber das Holzheimer Schützenfest auf dem Pferd zu verbringen, als nicht mehr zu „können“.

Dies war in all den Jahren, zu meinem großen Gefallen, der einzige Exkurs unterhalb der Gürtellinie. In den Jahren anfangs der 1990er Jahre fand das Vereinsleben intensiv auf dem Stamos Grundstück auf der Bahnhofstraße oder dem Reitplatz am Kloster Kreitz statt. Die großzügige Bewirtung von Georg und Marianne Stamos war legendär.

Zum stattlichen Jahreskalender gehörten:

  • eine monatliche Versammlung, anfangs bei Schmacky, später bei Creutz und danach hier im Brauereiausschank Frankenheim
  • ein monatliches, gut besuchtes Vereinsreiten in den Reitställen Gut Neuhöfgen, Gut Neuhaus und später bei Bierewitz in Kaarst: Zu dieser Gelegenheit wurde im Anschluss an die Reitstunde ein Snack gereicht. Jeweils ein Reiterkamerad wurde mit der Ausrichtung betraut.
  • zwei feste Ausreittermine wurden angesetzt: Einmal im Frühjahr an Vatertag mit anschließendem Familienfest, einmal im Oktober nach der Ernte; ein Highlight war eine Galoppstrecke in breiter Front mit 17 Reitern nebeneinander vor Langwaden
  • später wurden im Advent mit Gästen und Damen Weihnachtsmärkte in Brüggen, Kempen, Velen, Köln und Bonn besucht, mit jeweils zünftigen Ausklang in Restaurants, Brauhäusern oder anliegenden Lokalitäten
  • zusätzlich wurden in den Jahren Vergleichsringstechen mit anderen Vereinen im Herbst in den Reithallen organisiert, eins als Benefizveranstaltung für den krebskranken Jan Buchbender
  • im Advent wurde zusätzlich ein Ringstechen für uns und die berittenen Holzheimer veranstaltet: Die Veranstaltung wurde von Holzheimer Gästen sehr geschätzt und immer mit einer kleinen Wanderung zum Veranstaltungsort verbunden.
  • zum absoluten Jahreshöhepunkt wuchs sich rasch unser alljährlicher Reiterball aus: Wurde der zu Anfang im Reiterstübchen in Neukirchen veranstaltet, wagte Georg seinerzeit den Sprung in die Mehrzweckhalle. Mit Livemusik, Tombola und Einlage konnten wir bei stets bester Stimmung bis zu 450 Gäste aus Holzheim und dem ganzen Landkreis begrüßen. Der Reiterball bedurfte einer intensiven Vorbereitung durch ein Festkomitee. Die Mehrzweckhalle wurde angelehnt an ein Motto aufwendigst geschmückt. Der Aufbau, die Veranstaltung und der Abbau nahmen an einem Wochenende gut und gerne 30 Stunden in Anspruch und gingen zuweilen an die Leistungsgrenzen. Geerntet wurde von uns eine große Anerkennung und Zuspruch zu dieser Veranstaltung, was uns im nächsten Jahr zu einer Steigerung beflügelte. Kern dieser erfolgreichen Zeit war eine große Kameradschaft, Einsatz und Zuverlässigkeit aller Mitglieder, die sich je nach Einzeltätigkeiten großartig einsetzten. In diesem Zusammenhang möchte ich Reiterkameraden nennen, die nicht mehr Mitglieder bei uns sind, aber sich besonders in diesen Veranstaltungsrahmen besonders kreativ und organisatorisch eingebracht haben:

Jochen Evers, Werner Junggeburth, Gerd Benske, Jochen Spicker, aber auch Peter Josef Tilmann

Die enorme organisatorische und einsatzmäßige Belastung des Reiterballs in der Mehrzweckhalle führte in den letzten Jahren zur Ausrichtung in einem anderen, kleineren Format, aber in wechselnden Umfeldern, so dass wir sehr schöne Veranstaltungen im Gare du Neuss, im Bootshaus in Minkel, auf Schloss Hülchrath und zuletzt im Davids in Weckhoven erlebten.

  • Ein weiterer Jahreshöhepunkt war das Königsvogelschießen am Fronleichnamstag, an dem der Reiterverein vier Holzheimer Majestäten stellte:

Als erstes ist zu nennen 1991/92 die legendäre Regentschaft von Georg Stamos, sonnenverwöhnt mit Spontanität und Esprit ein Zeitrausch, der seinesgleichen suchte und in der abschließenden Bekenntnis im Zelt von Schorsch am Mikro mit „ich liebe euch alle“ seinen Abschluss fand.

Es folgte Peter Josef Tilman, der sein Königsjahr als Scheidepunkt und Schwenk vom Grenadierkorps zum Reiterverein nahm.

Unser jetziger Chef Klaus Wilms wagte es einige Zeit später. Auch hier erlebten wir mit unserem Königspaar eine intensive Zeit bester Stimmung und Einsätze vom Röschendrehen bis zum Heimgeleit mit Spießbraten.

2018 machte uns Uwe seine Ankündigung wahr mit der ersten Residenz in der Entropzone. Ein tolles Fest, was von der hiesigen Gastronomie mit Zelt und großartiger Bewirtung ebenso einzigartig gestaltet wurde.

  • Die Schützenfeste hatten in den Jahren immer kurz getaktete Inhalte, ein Höhepunkt nach dem anderen:

In der Außenwirkung gelang uns beim Fackelzug und bei den Umzügen zu Pferde immer ein überzeugender, disziplinierter Auftritt.

Die gemeinsamen Essen mit Familien und Freunden dienten im schönen Ambiente bei einem unserer Reiterkameraden oder im Pfarrgarten der Entspannung und Revitalisierung.

Abends und nachts im Zelt konnte man aber auch unsere andere Seite außerhalb der Contenance bewundern: Es wurde wild getanzt, laut gesungen oder an der langen Theke gelallt und geflunkert.

Erwähnenswert sind auch die Rituale des Dienstagmittags: Hier gab es interessante Wettbewerbe wie der „heiße Stuhl“ – ein intellektuell anspruchsvolles Wetttrinken -, bei dem uns unser Erich Storch unter Beweis stellte, dass er sein Rachenzäpfchen umklappen konnte, so dass er das Bier wie an der Zapfsäule blasen- und unterbrechungsfrei seinem Magen zuführen konnte.

Eine große Stärke des Vereins war stets die Kontaktpflege, so dass wir stets voll motivierte Gäste als Reiter zum Schützenfestsamstag in unseren Reihen begrüßen konnten, zum Beispiel:

–  den seinerzeitigen Neusser Regimentsadjutant Volker Schmidtke

–  den seinerzeitigen stellvertretenden Neusser Bürgermeister Dr. Bernd Koenemann

–  den Grimlinghausener Reiterchef Olaf Heck

–  das Further Komiteemitglied Thorsten Klein

  • Die intensive Kontaktpflege zu anderen Reitervereinen führte in den Jahresabläufen auch zu Besuchen der jeweiligen Siegerveranstaltungen auf der Furth, in Büttgen, Reuschenberg, Neukirchen, Grimlinghausen aber auch in Gnadental und Weckhoven.

Bei den Besuchen der letzteren Vereine in der Ginsterhecke in Gnadental oder der alten Post in Weckhoven wurden immer besondere Anforderungen an unsere Delegationen gestellt. Hier schafften es unsere tapfersten Mitglieder immer gerade mal bis zur Siegerproklamation anwesend zu sein, bevor sie mit beginnender Nikotinvergiftung, begründet durch die gute Luftqualität, sich in einen anderen Gastraum retten konnten.

  • Die Gründung des Reitercorps Reuschenberg wurde durch unsere Vereinsmitglieder beratend bzw. auch aktiv reitend begleitet.
  • Trotz der großen Erfolgsgeschichte, der großen Kameradschaft und guten zwischenmenschlichen Beziehungen, ist es uns nicht gelungen, passenden Nachwuchs in ausreichender Zahl zu akquirieren. Dies liegt sicherlich am Zeitgeiste und der enormen emotionalen Entfernung der heutigen männlichen Jugend zum Pferd und Reitsport. Auch das gehört am heutigen Tage zur Wahrheit und Geschichte unseres Vereines.

Als Fazit des von mir gerade betrachteten Zeitraumes kann man sagen, dass der Verein für jedes Mitglied einen enormen Stellenwert hatte, was sich in der Motivation und dem Miteinander im Innenverhältnis widerspiegelte.

In der Außenwirkung war unser Verein im Ortsgeschehen und in der Akzeptanz angekommen. Einst im Volksmund als die „Dollen“ verschrien, die sich im Dinnerjacket öffentlich um Standarten stritten, waren wir als Ausrichter großartiger Veranstaltungen wie Reiterbälle, Ringstechen und so weiter, zum Aktivposten im Holzheimer Gesellschaftsleben aufgestiegen. Dies war angesichts der verhältnismäßig kleinen Mannstärke nur mit Disziplin, Toleranz und Großherzigkeit erreichbar.

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